Die Berliner Helmut Newton-Ausstellung: Feminist? Sexist?

(digitaldaily) Selbstverständlich muss jede/r schon einmal in einer Ausstellung von Helmut Newton, diesen jahrzehntelangen Beherrscher der Fotografie, gewesen sein. Und wenn nicht? Irgendetwas mit Mode, dass fällt auch denen ein, die sich diesem überall und nirgends wohnenden Mann bislang kaum genähert haben und ganz viel nackte Haut – auch das kann noch einfallen. Oder sein Tod, der so surreal war, dass er inszeniert gewesen sein muss.


Newton hatte gerade mit seinem Cadillac (was sonst) die heimliche zweite Heimat vieler Filmstars verlassen, das Hotel Chateau Mormont in Hollywood. Ob der 83jährige von der monumentalen Kraftentfaltung des Cadillac-Motors überwältigt wurde oder bereits vor dem Aufprall auf eine Mauer gegenüber des legendären Hotels tot war, ist nicht mehr wichtig.

Newton hat das getan, was vielen Menschen nachgesagt wird und meistens nicht stimmt: Newton hat Geschichte geschrieben, die Geschichte der Fotografie neu geschrieben. Und er war vielleicht kein Feminist, aber er hat die Rolle von Frauen in der Fotografie, auch der erotischen Fotografie neu definiert. Gemessen an den 60er und 70er Jahren, in denen er aneckte, polarisierte, provozierte und ein Frauenbild fotografierte, dass seiner Zeit oft voraus war. Nackte Frauen, freizügig bekleidete Frauen – kann das feministisch sein? 

Bis zum 22.Mai kann sich jede/r selbst an dieser Frage versuchen (Museum für Fotografie, Berlin).

Bis zu Beginn der 60er Jahre durfte ein Ehemann den Arbeitsvertrag seiner Frau kündigen und erst 1968 brachte der berühmte Tomatenwurf der Filmstudentin Helke Sander in Frankfurt die Studentenbewegung dazu, das Thema „Gleichberechtigung“ zum ersten Mal auf die Tagesordnung zu setzen. Bis dahin waren die studentischen Hobbyrevolutionäre nicht weniger sexistisch als Burschenschaftler im Bierkeller. Nur Helmut Newton war dem schon längst voraus und inszenierte ein Frauenbild, dass vor allem eines war: Respektvoll, selbst bei Aktaufnahmen. Gerade bei Aktaufnahmen. Bei den Inszenierungen, egal wo, wie und in welcher Position, und das haben die Kuratoren der Berliner Ausstellung eindrucksvoll zusammengestellt, zeigt Newton starke, selbstbewusste Frauen. Nicht als Ausnahmefall, nicht als exotisch, sondern als den Normalfall.

Aber auch Newton hielt dies nicht immer durch und wich von dem ab, was ihn so besonders machte. Seine Arbeit wurde auch mit Fotografen wie Guy Bourdin und Deborah Turbeville in Verbindung gebracht und zog manchmal den Zorn von Gruppen auf sich, die einige seiner Darstellungen von Frauen als erniedrigend und ausbeuterisch empfanden. 1998 wurde eine Werbung für Wolford-Damenstrümpfe – mit einem Modell, das nur Strümpfe trägt und mit dem Gesicht nach unten liegt – von einer Plakatwand am Times Square entfernt. Verriet er seine eigene Überzeugung, die er in diesem Satz formuliert hatte?

1920 war Newton in Berlin geboren worden und mit 18 schaffte er es, kurz nach der Kristallnacht vor den Nazihorden zu fliehen. Als Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie hatte er schon als Jugendlicher bei der Theaterfotografin Yva gelernt, sein Augen offen zu halten, für das Besondere im Alltäglichen.

Modefotografie, Aufnahmen des internationalen Jetsets, Arbeiten für die berühmtesten Modemagazine der Welt – das hatte er weder von Anfang an erwünscht noch gewollt. Mit 12 hatte er sich die erste Kamera gekauft und war in in dem Babylon Berlin der 30er Jahre unterwegs, täglich.

In Europa arbeitete er für die Londoner Vogue und Jardin des Modes, wo er mit seinen gewagten Bildern auffiel, die ihm schließlich den Spitznamen „King of Kink“ einbrachten. 1963 wechselte er zur französischen Vogue, und nach mehreren erfolglosen Versuchen, Diana Vreeland, die Herausgeberin der amerikanischen Vogue, zu beeindrucken, debütierte er 1971 auf deren Seiten, kurz nachdem er von Vreeland gefeuert worden war.

Die vielleicht wichtigste Inspirationsquelle war jedoch seine Frau, die ihm oft als Modell diente; auf einer Serie von Fotos aus dem Jahr 1973 zog sie ein Hitler-Kostüm an und posierte mit dem Modell Jerry Hall, das Eva Braun darstellte. Auch ihr gibt die Berliner Ausstellung Raum, denn ihre Portraitbilder machen deutlich, dass sie neben dem Mann ein sehr eigenständiges und erfolgreiches Leben als Künstlerin führte.


Die Ausstellung dieses winzigen Ausschnittes seiner Werke lässt Besucherinnen und Besucher auch mit einer Frage zurück: Wäre es heute überhaupt noch möglich, im sekündlichen Information-Pic-Selfie-Video-Overkill mit so etwas banalem wie Fotografie etwas zu bewegen, überhaupt irgendwo gesehen zu werden? Wäre ein Newton heute ohne drei Social Media Agenturen an seiner Seite und ein Dutzend gekaufter Influencer noch wahrnehmbar? Ohne gigantische Vermarktungsmaschinerie? Auch deswegen lohnt diese Ausstellung, denn Newton war der Letzte, dem das gelang. Ohne Twitter-Account.

Wolfgang Zehrt, Berlin