Wie die „Letzte Generation“ die Klimabewegung zerstört

Eine von vielen Blockaden in Berlinam Potsdamer Platz (Bild: Wolfgang Zehrt)

(digitaldaily) Ich gestehe – ich habe schon einmal blockiert, vor vielen Jahren. Wir saßen vor dem großen Einfahrtstor des Atomkraftwerk Stade, hielten ein Protestplakat hoch, sangen pazifistische Lieder und neben der Polizei standen die AKW-Mitarbeiter, gelangweilt eine Zigarette rauchend. Nachdem die Presse ihre Bilder und ein paar Interviews gemacht hatte, wurden wir weggetragen und im Graben abgesetzt. Nach ein paar Blockaden kannte man sich, die Medien hatten ausgiebig berichtet und wir zogen weiter, zum AKW Brokdorf. Einen ganzen Winter lang, aus irgendwelchen Gründen immer Montags. Frei nehmen ging dafür nur, weil man als Zivildienstleistender gerne und jederzeit zusätzliche Dienste am Wochenende übernehmen konnte. Montags war dann Freizeitausgleich für den zivilen Ungehorsam. Nötigung? Sachbeschädigung? Das war mit unserem Selbstverständnis vom gewaltfreien Widerstand nicht vereinbar. Auch nicht, um gegen die unserer Überzeugung nach gefährlichen Atomkraftwerke zu protestieren. Kartoffelbrei auf Gemälde, Ankleben an seltene Museumsstücke, Menschen auf dem Weg zur oft mässig bezahlten Arbeit blockieren und drangsalieren? Es wäre uns nicht nur nicht in den Sinn gekommen, weil wir so friedfertig waren. Wir hatten kein Interesse daran, unsere eigene soziale Bewegung zu zerstören. Die „Letzte Generation“ offenbar schon.

Viele Jahre später wurden über Jahre die Schienen zum atomaren Endlager in Gorleben immer wieder blockiert, Menschen schweissten sich an den Schienen fest. An den Schienen zum Endlager – sie klebten sich nicht an einer naheliegenden Autobahn fest oder bespritzten Verwaltungsgebäude mit Farbe. Große Teile der einheimischen Bevölkerung unterstützen die Demonstranten im Wendland.

Bezahlt Bill Gates die klebenden und sudelnden Klima-Aktivisten?

Schaut man auf die „Ergebnisse“ der verwirrten Blockierer erscheint die Vorstellung, irgendjemand würde dafür bezahlen, die Klimabewegung zu diskreditieren, gar nicht so abwegig. Nur kommt auch hier Mr. Gates nicht in Frage. Die Frage ist trotzdem naheliegend: warum und wie schaffe ich es, den Zorn und mindestens das Unverständnis für eine einst durch alle gesellschaftlichen Gruppen akzeptierte Zielsetzung zu entfachen? Wie erreiche ich es, dass bei „Klimaschutz“ nicht mehr zuerst an den Erhalt des Planeten gedacht wird, sondern an die Nachbarin, die heute morgen auf dem Weg zur Arbeit zwei Stunden im Stau stand? Das Thema, dass Rettungswagen und Spezialfahrzeuge der Feuerwehr nur verzögert durch das Verkehrschaos kommen, soll hier gar nicht weiter diskutiert werden. Das ein Unmensch dies ernsthaft mit einem lapidaren „shit happens“ kommentiert zeigt eine Geisteshaltung, die ein Demokratie bejahenden Mensch nur verachten kann. Womit man bei soziologischen Problemen ist.

Nur wer maßlos arrogant ist sieht ein Recht Andere zu nötigen

Wenn 5 klebende Blockierer 1-2.000 Autofahrer, die zunächst nichts mit dem Thema des Protestes zu tun haben, den Weg versperren – zur Arbeit , zum Arzt, zur Schule, zur Uni – dann ist das nach der gültigen Rechtsprechung möglicherweise Nötigung. Dies endgültig zu entscheiden sollten wir den Gerichten überlassen. Nur, wer dort blockiert, fühlt sich im Besitz nicht nur einer höheren, sondern der einzigen Wahrheit. Zugehörig zu einer Gruppe, die alleine entscheiden kann, welche gesellschaftlichen und politischen Probleme jetzt sofort gelöst werden müssten, egal wie. Aufgrund der höheren Einsicht. Dieses Kaderdenken steht außerhalb jedes demokratischen Diskurses, hier nähern sich linke und rechte Extreme so an, dass Grenzen verschwimmen. Es wird dringend Zeit, dass sich „Friday for Future“ von denen, die mit großer Selbstverliebtheit inzwischen abseits des demokratischen Systems stehen, abgrenzt. Luisa Neubauer, die Jeanne d’Arc der Klimabewegung, hat dies nur sehr halbherzig getan. Der Kampf um die „Rettung des Planeten“ als elitäres, sektiererhaftes Vorgehen ist nicht nur anmaßend, es verhindert durch die Zerstörung des gesellschaftlichen Konsens auch die letzten Chancen, mit vereinten Kräften den finalen Klimawandel in letzter Sekunde zu stoppen. Wer das aber gegen die überwältigende Mehrheit der eigenen Bevölkerung mit Gewalt erreichen will darf sich nicht länger Demokratin oder Demokrat nennen.