Russland und China arbeiten nach Informationen mehrerer internationaler Medien im Verborgenen an einem gemeinsamen Luftabwehr- und Raketenabwehrsystem der nächsten Generation. Das System soll manövrierfähige ballistische Raketen und Hyperschallraketen bekämpfen können. Diese Erkenntnisse stammen aus bislang nicht öffentlich bekannten Dokumenten, die der Spiegel, das russische Investigativmedium The Insider und die französische Tageszeitung Le Monde in einer mehrmonatigen gemeinsamen Recherche ausgewertet haben.
Hochrangige Vertreter von staatlichen russischen und chinesischen Rüstungsunternehmen sowie der chinesischen Volksbefreiungsarmee einigten sich auf die Kooperation bei einem geheimen Treffen in Moskau zwischen Ende Mai und Anfang Juni 2023. Das Projekt zielt offenbar darauf ab, sowohl China als auch Russland vor Präzisionsschlägen aus großer Distanz zu schützen. Die Einsatzbereitschaft soll dem Jahr 2030 erreicht werden.
Das Abwehrsystem soll aus Führungs- und Kontrolleinrichtungen für bodengebundene Raketen sowie einem hochmanövrierfähigen Lenkflugkörper für integrierte Luftverteidigung bestehen. Es könnte Hyperschallgeschosse in der letzten Flugphase in einer Höhe von bis zu 40 Kilometern bekämpfen und ballistische Mittelstreckenraketen mit einer Reichweite von bis zu 4.000 Kilometern abfangen. Diese Waffentypen werden vor allem von den Vereinigten Staaten entwickelt.
Justin Bronk vom Royal United Services Institute in London interpretiert das Projekt als Reaktion auf neue US-Waffen: Das System wirke, als wäre es durch den Wunsch motiviert, Waffen wie den neuen bodengestützten Hyperschallflugkörper der US-Streitkräfte frühzeitig abzufangen. Die Volksbefreiungsarmee bereitet sich seit Jahren gezielt auf eine militärische Auseinandersetzung mit den USA im Pazifik vor.
Die Dimension dieser Zusammenarbeit überrascht selbst Experten. Kernfähigkeiten wie Luftverteidigungs- und Raketenabwehrsysteme sowie Frühwarnradare behielt Russland traditionell streng für sich. Pavel Luzin, der den Handel mit Dual-use-Gütern zwischen den beiden Staaten seit Jahren dokumentiert, sagt dem Spiegel: Das ist das Allerheiligste – etwas, das weder Russland noch die Sowjetunion jemals teilen wollten. Jetzt ist Russland dennoch dazu bereit.
Mitte 2023 befand sich das Projekt in einer frühen Phase, es ging aber bereits um den Bau von Prototypen. Die Beteiligten setzten Arbeitsgruppen ein und beschlossen regelmäßige Videokonferenzen. Das Treffen in Moskau war nicht die erste Zusammenkunft: Vertreter beider Seiten reisten seither regelmäßig zwischen Moskau und Peking hin und her. Flugdaten sollen diese kontinuierliche Zusammenarbeit belegen.
Autor: dts Nachrichtenagentur