Die Polizeiliche Kriminalstatistik für Niedersachsen zeigt 2025 erneut weniger Straftaten von Jugendlichen und jungen Erwachsenen unter 21 Jahren. Das Landeskriminalamt (LKA) registrierte 45.173 junge Tatverdächtige – ein Rückgang um 4,55 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Zahl der aufgeklärten Fälle mit jungen Tatverdächtigen sank auf 56.643, was einem Minus von 9,71 Prozent entspricht.
Besonders deutlich zeigt sich der Rückgang bei Diebstählen. Die Anzahl junger Tatverdächtiger in diesem Bereich fiel um 12,55 Prozent auf 11.738 – beim Ladendiebstahl sogar um 13,28 Prozent auf 7.557 Fälle. Allerdings warnen die Behörden vor zu viel Optimismus. «Der Rückgang ist erfreulich, aber kein Grund zur Entwarnung. Hinter den Zahlen stehen weiterhin junge Menschen, die früh mit Gewalt in Berührung kommen – als Tatverdächtige ebenso wie als Opfer», sagt LKA-Präsident Thorsten Massinger.
Bei Rohheitsdelikten wie Körperverletzung oder Raub fällt der Rückgang deutlich geringer aus. Die Zahl junger Tatverdächtiger sank hier nur um 3,40 Prozent auf 15.243. Bei Körperverletzungen ging sie um 2,50 Prozent zurück, bei Raubdelikten blieb die Entwicklung nahezu unverändert: 1.329 junge Tatverdächtige 2025 gegenüber 1.332 im Jahr davor. Besonders besorgniserregend bleibt die Situation bei tatverdächtigen Kindern unter 14 Jahren, die in diesem Bereich auf hohem Niveau verbleibt.
Ein spezieller Fokus liegt auf Messerangriffen. Die Gesamtzahl der Tatverdächtigen bei Messerangriffen stieg 2025 um 3,55 Prozent auf 2.570. Bei jungen Menschen sank die Anzahl allerdings von 718 auf 645. Innerhalb dieser Gruppe zeigt sich jedoch ein differenziertes Bild: Bei Kindern stieg die Anzahl leicht von 121 auf 130 an, während sie bei Jugendlichen und Heranwachsenden zurückging.
Im Schulkontext wurden insgesamt weniger Straftaten polizeilich bekannt – von 5.350 auf 4.975, sogar unter dem Vor-Corona-Niveau von 2019. Doch auch hier bleibt die Anzahl tatverdächtiger Kinder bei Rohheitsdelikten auf hohem Niveau.
Ein weiteres Problemfeld ist die Opferwerdung von Kindern und Jugendlichen. Die Zahl minderjähriger Strafopfer sank 2025 zwar leicht um 1,52 Prozent auf 24.419, bleibt aber auf hohem Niveau. Bei Kindern stieg die Anzahl der Opferwerdungen sogar weiter an. Besonders alarmierend: Bei Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung wurden 4.054 minderjährige Opfer registriert – ein Anstieg um 4,70 Prozent.
Insgesamt wurden in Niedersachsen 2025 506.634 Straftaten polizeilich bekannt. Das entspricht einem Rückgang von 4,28 Prozent gegenüber 2024. Von den jungen Tatverdächtigen waren 33.728 männlich und 11.445 weiblich.
«Die Zahlen zeigen grundsätzlich in die richtige Richtung. Gleichzeitig müssen tatverdächtige Kinder, Rohheitsdelikte und Gewalt im Schul- und Sozialraum weiterhin besonders aufmerksam beobachtet werden», sagt Kriminalhauptkommissar Tilman Wesely vom Dezernat Forschung, Prävention und Jugend. «Gerade bei Kindern und Jugendlichen braucht es angemessene Reaktionen auf Fehlverhalten und gemeinsame Anstrengungen in der Prävention – einzelne Unterrichtseinheiten können ein Baustein sein, ersetzen aber keine konzeptionell angelegte, dauerhafte Zusammenarbeit von Schulen, Jugendhilfe, Justiz, Kommunen und Polizei.»
Das LKA führt mögliche Erklärungen für die Entwicklung an: Defizite in Konfliktfähigkeit, Emotionsregulation und Frustrationstoleranz, die bereits im Kindesalter entstehen und sich in sozialen Räumen zeigen. Auch veränderte Sozialisationsbedingungen durch digitale Medien und soziale Netzwerke werden als mögliche Einflussfaktoren diskutiert. Allerdings lassen sich aus polizeilichen Daten allein keine belastbaren Schlussfolgerungen ziehen.
Die Polizeiliche Kriminalstatistik bildet nur das polizeilich bekannte Hellfeld ab und ist unter anderem abhängig vom Anzeigeverhalten, der polizeilichen Kontrollintensität sowie Änderungen im Strafrecht. Sie ist daher kein vollständiges Abbild der Kriminalitätswirklichkeit. Das LKA nennt mehrere weitere mögliche Einflussfaktoren für die Entwicklung: auslaufende Nachholeffekte nach der Coronapandemie, verändertes Anzeigeverhalten, höhere gesellschaftliche Sensibilität gegenüber Gewalt sowie Verschiebungen vom Dunkelfeld ins Hellfeld.
«Polizei allein kann Jugenddelinquenz nicht lösen. Wir müssen uns genau ansehen, wo es noch Hemmnisse zwischen Behörden und Institutionen gibt. Nur so können wir problematische Entwicklungen bei jungen Menschen erkennen, bevor aus einzelnen Straftaten kriminelle Karrieren werden», betont LKA-Präsident Massinger.
Die Polizei Niedersachsen setzt auf enge Verzahnung von repressivem Handeln, Prävention, Forschung und interdisziplinärer Zusammenarbeit. Das LKA hat im Rahmen einer Expertengruppe das Format «Onlineabend» entwickelt, das erstmals am 29. September 2026 stattfinden soll. Ziel ist es, Erziehungsberechtigte und pädagogische Fachkräfte niedrigschwellig zu erreichen und sie über Risiken im digitalen Raum zu informieren. Die erste registrierungsfreie Online-Veranstaltung konzentriert sich auf Cybermobbing und ist unter www.onlineabend.cyberpolizei.de erreichbar.
Den vollständigen Jahresbericht «Junge Menschen» für 2025 finden Interessierte auf der Website des LKA Niedersachsen unter www.lka.niedersachsen.de