Das Landeskriminalamt (LKA) Niedersachsen hat am Dienstag (4. Juni 2026) rund 200 Experten aus Sicherheitsbehörden, Wissenschaft, Justiz und Politik zu einem interdisziplinären Symposium über Organisierte Kriminalität nach Hannover eingeladen. Bei der von der Kriminologischen Forschungsstelle organisierten Veranstaltung diskutierten die Teilnehmer aktuelle Entwicklungen, regionale Besonderheiten und wirksame Ansätze zur Bekämpfung Organisierter Kriminalität.
Niedersachsens Innenministerin Daniela Behrens betonte in ihrem Grußwort: „Der Rechtsstaat muss dort antworten, wo er herausgefordert wird. Organisierte Kriminalität greift nicht nur Einzelne an – sie untergräbt das Vertrauen in unsere Institutionen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Die konsequente Bekämpfung dieser Strukturen ist deshalb keine rein polizeiliche Aufgabe, sondern eine gesamtgesellschaftliche und politische Verantwortung, der wir uns in Niedersachsen stellen.“
Niedersachsen steht laut LKA vor besonderen Herausforderungen: Die geografische Lage mit bedeutenden, teils internationalen Logistikrouten zu Wasser, auf den Straßen oder in der Luft, die vielen Grenzen zu anderen Bundesländern sowie die Nähe zu den Niederlanden macht das Land für kriminelle Netzwerke attraktiv. Die niedersächsische Lage wird vor allem durch internationalen Rauschgifthandel, verbunden mit Gewaltstraftaten und Korruption bestimmt.
LKA-Präsident Thorsten Massinger erklärte in seiner Eröffnungsrede: „Organisierte Kriminalität agiert heute wie ein professioneller Dienstleister – arbeitsteilig, international vernetzt und schleichend in unsere Wirtschaft eingebettet. Wir begegnen ihr mit spezialisierten Ermittlungseinheiten, enger internationaler Kooperation und der konsequenten Abschöpfung krimineller Gewinne. Niedersachsen ist kein sicherer Rückzugsraum für kriminelle Netzwerke.“
Einen internationalen Blick eröffnete die Autorin und Journalistin Sanne de Boer mit ihrer Keynote „The ‚Ndrangheta in Europe – How Organised Crime Challenges the Rule of Law“. Am Beispiel der ‚Ndrangheta zeigte sie auf, wie transnational agierende kriminelle Organisationen langfristig Einfluss auf wirtschaftliche Systeme, demokratische Institutionen und rechtsstaatliche Strukturen nehmen können.
Professor Dr. Arndt Sinn von der Universität Osnabrück ordnete in seiner Keynote „Organisierte Kriminalität aus straf- und internationalrechtlicher Perspektive – Herausforderungen für Rechtsstaat und Demokratie“ das Thema juristisch ein. Im Mittelpunkt standen rechtliche Rahmenbedingungen, Grenzen staatlichen Handelns sowie Herausforderungen für Strafverfolgung und internationale Zusammenarbeit.
In einem von Kriminaloberkommissarin Saskia Reupke (LKA) moderierten Fachdialog wurden operative Erfahrungen aus konkreten Ermittlungsverfahren mit übergeordneten Projektansätzen zur Logistiksicherheit verknüpft. Der Fokus lag auf einer strukturierten Reflexion: Welche operativen und organisatorischen Faktoren tragen zum Erfolg von Ermittlungen bei? Welche Formen behördenübergreifender und internationaler Zusammenarbeit haben sich bewährt?
Kriminelle Netzwerke nutzen vor allem legale Wirtschafts- und Transportstrukturen, um illegale Geschäfte zu verschleiern und Gewinne in den legalen Wirtschaftskreislauf einzuschleusen. Niedersachsen beteiligt sich auf unterschiedlichsten Ebenen an Projekten und Kooperationen, um der Organisierten Kriminalität entgegenzuwirken. Ziel ist es, Sicherheitsbehörden, Wirtschaft und weitere Akteure noch enger zu vernetzen und Risiken in sensiblen Infrastrukturen frühzeitig zu erkennen.
Organisierte Kriminalität bezeichnet im polizeilichen und justiziellen Verständnis die arbeitsteilige Begehung von Straftaten von erheblicher Bedeutung, die auf Dauer angelegt ist und häufig geschäftsähnliche Strukturen nutzt. Aktuelle Erkenntnisse des LKA Niedersachsen zeigen, dass OK-Netzwerke zunehmend service- und plattformbasiert agieren, legale Wirtschaftsstrukturen ausnutzen und internationale Handels- und Logistikwege gezielt für ihre kriminellen Aktivitäten ausbauen.