Die Vorschläge der Rentenkommission stoßen bei führenden Ökonomen und Gewerkschaften auf erhebliche Kritik. Die Pläne wurden am Wochenende bereits bekannt und sollen am Dienstag offiziell vorgestellt werden.
Wirtschaftsweise Veronika Grimm hält die Vorschläge für nicht ausreichend, um die Rentenfinanzen langfristig zu stabilisieren. Das Problem liege aber nicht bei der Kommission selbst, sondern bei früheren Entscheidungen der Bundesregierung zur Rentenversicherung, sagte sie dem „Handelsblatt“. Um die Rentenfinanzen dauerhaft tragfähig zu machen, müssten diese Entscheidungen korrigiert und darüber hinausgegangen werden – das erfordere deutlich mehr Maßnahmen.
Grimm begrüßt einzelne Reformvorschläge: Das Renteneintrittsalter sollte an die steigende Lebenserwartung gekoppelt werden, und die Rente ab 63 sollte abgeschafft werden. Auch den Plan, Minijobs abzuschaffen, hält sie für richtig, da dies die Arbeitsanreize für Geringverdiener massiv erhöhen würde. Allerdings sieht Grimm die von der Kommission vorgeschlagene Kapitalsäule in der Rentenversicherung kritisch. Besser wäre ihrer Ansicht nach eine Lösung mit personalisierten Konten, denn nur dann seien die Erträge vor künftigen politischen Eingriffen wirklich geschützt.
Auch den Plan zur Integration von Selbstständigen in die gesetzliche Rente bewertet Grimm fragwürdig. Eine Versicherungspflicht hält sie zwar für richtig, aber Selbstständige sollten immer die Möglichkeit haben, sich kapitalgedeckt abzusichern, da die Rendite höher ausfalle. Es sei unverständlich, warum man Selbstständige in ein weniger ertragsreiches System zwingen möchte – das mache die Selbstständigkeit noch unattraktiver, warnte sie.
Der Verdi-Vorsitzende Frank Werneke kritisiert, dass die Pläne im Kern an der Lebenswirklichkeit der arbeitenden Menschen vorbeigehen. Einige Vorschläge lobt er: die Abschaffung von Minijobs und die Einbeziehung von Selbstständigen in die gesetzliche Rente. Allerdings lehnt er das geplante Absinken des Rentenniveaus ab 2031 ab. Der Vorschlag, dieses durch eine kapitalgedeckte Säule auszugleichen, nutze der kommenden Rentnergeneration nichts, so Werneke. Stattdessen fordert er eine Stärkung der betrieblichen Altersversorgung.
Die geplante Erhöhung des Renteneintrittsalters lehnt Werneke entschieden ab. Viele Berufe seien mit hohen körperlichen und psychischen Belastungen verbunden. Besonders scharf kritisiert er den Vorschlag, die abschlagsfreie Rente nach 45 Beitragsjahren abzuschaffen – das sei eine Missachtung der Lebensleistung der Betroffenen. Eine echte Rentenreform müsse die Lebensleistung der Menschen anerkennen und ein ausreichend hohes Rentenniveau garantieren, forderte der Gewerkschaftschef.