Es gibt Momente im Fußball, die sich ins kollektive Gedächtnis einbrennen – nicht weil das Ergebnis logisch war, sondern weil es das Gegenteil von allem war, was die Statistik versprach. Curaçao gegen Deutschland ist heute Abend auf dem Papier eine Formsache. Aber der Fußball hat ein langes Gedächtnis für Abende, an denen das Papier nichts wert war.

Algerien, 1982: Der erste Schock
Es war das Spiel, das den Weltfußball auf den Kopf stellte – und trotzdem fast vergessen worden wäre. Algerien gegen Westdeutschland, Vorrunde der WM 1982 in Spanien. Die Deutschen kamen als amtierende Vizeweltmeister, Algerien als erstes afrikanisches Team überhaupt in einer WM-Vorrunde mit realer Außenseiterperspektive. Das Ergebnis: 2:1 für Algerien. Lakhdar Belloumi traf, die algerische Mannschaft feierte, und Westdeutschland stand vor einem frühen Ausscheiden. Was folgte, ist als „Schande von Gijón“ in die Geschichte eingegangen – ein abgekartetes Unentschieden zwischen Deutschland und Österreich im letzten Gruppenspiel, das beide weiterkommen ließ und Algerien trotz besserer Bilanz eliminierte. Aber der Sieg blieb. Algerien hatte Deutschland geschlagen. Zum ersten Mal.
Kamerun, 1990: Roger Millas Auftritt
Argentinien war amtierender Weltmeister. Diego Maradona stand auf dem Höhepunkt seines Ruhms. Das Eröffnungsspiel der WM 1990 gegen Kamerun sollte eine Geste Richtung Titelverteidigung sein – eine Pflichtübung. Kamerun verlor zwei Spieler durch Rote Karten, spielte die letzte halbe Stunde zu neunt und gewann trotzdem 1:0. François Omam-Biyik köpfte das einzige Tor. Roger Milla, 38 Jahre alt und eigentlich schon im Ruhestand, wurde von Kameruns Präsidenten persönlich zur WM beordert. Er traf zweimal im Achtelfinale gegen Kolumbien, tanzte an der Eckfahne, und Kamerun wurde zum ersten afrikanischen Viertelfinalist der Geschichte. Ein Kontinent hatte einen neuen Mythos.
Senegal, 2002: Der Titelverteidiger fällt
Frankreich kam als Weltmeister und Europameister nach Japan und Südkorea. Das stärkste Team der Welt, auf dem Papier. Zinédine Zidane war verletzt, aber das sollte keine Entschuldigung sein für das, was dann passierte: Senegal schlug Frankreich im Eröffnungsspiel 1:0. Papa Bouba Diop traf, zog sein Trikot aus, legte es auf den Boden, und seine Mitspieler tanzten darum herum. Frankreich schied ohne einen einzigen Treffer in der Vorrunde aus. Senegal erreichte das Viertelfinale. Es war das erste Mal, dass ein Titelverteidiger in der Gruppenphase ausschied.
Griechenland, 2004: Die unlogischste Europameisterschaft aller Zeiten
Wenn ein Team als Außenseiter gilt, das keiner auf der Rechnung hat, dann war das Griechenland bei der EM 2004 in Portugal. Keine Weltklassespieler, kein attraktiver Fußball, kein Anlass zur Euphorie. Trainer Otto Rehhagel setzte auf tiefe Defensive, Disziplin und Standards. Griechenland schlug Portugal im Eröffnungsspiel, schlug Frankreich in der K.-o.-Runde, und schlug Portugal erneut im Finale. 1:0, Angelos Charisteas per Kopf. Das Gastgeberland, gespickt mit Weltklassespielern um Luís Figo und Cristiano Ronaldo, verlor zu Hause ein EM-Finale gegen ein Team, dem niemand auch nur ein Weiterkommen zugetraut hatte.
Island, 2016: Hulkur
Island gegen England, EM 2016, Achtelfinale. England führte früh durch einen Elfmeter. Dann traf Island zweimal. Dann war es vorbei. Wayne Rooney, Joe Hart, Harry Kane – das gesamte Aufgebot des englischen Fußballs scheiterte an einer Mannschaft von 330.000 Menschen, deren Spieler im Nebenjob Zahnarzt, Direktor und Filmemacher waren. Der isländische Donnerapplaus hallte durch die Stadien, die englische Mannschaft fuhr nach Hause, und das Internet erklärte Island zur beliebtesten Nation der Welt.
Saudi-Arabien, 2022: Messis Albtraum
Argentinien gegen Saudi-Arabien, WM 2022, Gruppenphase. Argentinien hatte 36 Spiele in Folge nicht verloren. Lionel Messi stand kurz vor seinem letzten Versuch, den einzigen großen Titel seiner Karriere zu gewinnen. Argentinien führte zur Halbzeit 1:0, Saudi-Arabien traf zweimal in der zweiten Hälfte. 2:1. Eine der größten Überraschungen der WM-Geschichte. Argentinien verlor, gewann aber am Ende den Titel – was die Niederlage im Nachhinein nicht kleiner macht, sondern eher unterstreicht, wie unberechenbar dieser Sport ist.
Die größten unerwarteten Siege der Fußballgeschichte
| Jahr | Außenseiter | Favorit | Wettbewerb | Ergebnis |
|---|
| Jahr | Außenseiter | Favorit | Wettbewerb | Ergebnis |
|---|---|---|---|---|
| 1982 | Algerien | West-Dtl. | WM Vorrunde | 2:1 |
| 1990 | Kamerun | Argentinien | WM Eröffnungsspiel | 1:0 |
| 2002 | Senegal | Frankreich Titelverteidiger | WM Vorrunde | 1:0 |
| 2004 | Griechenland | Portugal | EM Finale | 1:0 |
| 2016 | Island | England | EM Achtelfinale | 2:1 |
| 2018 | Südkorea | Deutschland Titelverteidiger | WM Vorrunde | 2:0 |
| 2022 | Saudi-Arabien | Argentinien | WM Vorrunde | 2:1 |
Der Fußball braucht diese Abende. Nicht trotz ihrer Unwahrscheinlichkeit, sondern wegen ihr. Und heute Abend, in Houston, hat Curaçao 3,6 Prozent Siegchance. Die Geschichte sagt: Das reicht manchmal.