Kindeswohlgefährdungen in Deutschland auf Rekordniveau – 79.800 Fälle im Jahr 2025

via dts Nachrichtenagentur

Die Jugendämter in Deutschland haben im Jahr 2025 bei rund 79.800 Kindern und Jugendlichen eine Kindeswohlgefährdung festgestellt. Das teilt das Statistische Bundesamt (Destatis) mit. Die Zahl ist damit zum vierten Mal in Folge auf einen neuen Höchststand gestiegen – um zehn Prozent oder etwa 7.000 Fälle mehr als 2024.

Besonders bemerkenswert: Seit Beginn der statistischen Erfassung im Jahr 2012 hat sich die Fallzahl mehr als verdoppelt. Damals waren es erst rund 38.300 Fälle, ein Plus von 108 Prozent beziehungsweise 41.500 Fällen. Mit Ausnahme der Jahre 2017 (minus 0,1 Prozent) und 2021 (minus 1,0 Prozent) ist die Zahl kontinuierlich angewachsen.

Für das starke Wachstum gibt es mehrere mögliche Erklärungen: Neben einer tatsächlich steigenden Zahl von Gefährdungsfällen könnten eine höhere Wachsamkeit beim Kinderschutz, verbesserte Zusammenarbeit zwischen Behörden, bessere Qualifizierung der Fachkräfte und neue gesetzliche Regelungen eine Rolle spielen.

Die Gefährdungsarten zeigen ein differenziertes Bild: In 58 Prozent der Fälle stellten die Behörden Vernachlässigung fest, in 38 Prozent psychische Misshandlungen, in 29 Prozent körperliche Gewalt und in fünf Prozent sexuelle Gewalt. Ein alarmierender Trend: 25 Prozent der betroffenen Kinder wiesen Anzeichen mehrerer Gefährdungsarten auf – 2015 lag dieser Anteil noch bei 16 Prozent. Beim Vergleich zum Vorjahr zeigten sich die stärksten Zunahmen bei Vernachlässigungen (plus 3.950 Fälle) und psychischen Misshandlungen (plus 3.250 Fälle).

Die Altersverteilung ist aussagekräftig: Etwa jedes zweite betroffene Kind (51 Prozent) war maximal acht Jahre alt, etwa jedes vierte (26 Prozent) höchstens vier Jahre. Das Durchschnittsalter lag bei 8,5 Jahren. Bei der Wohnsituation zeigt sich: 40 Prozent wuchsen bei beiden Eltern auf, 37 Prozent bei einem alleinerziehenden Elternteil, 14 Prozent bei einem Elternteil mit neuer Partnerin oder neuem Partner, und neun Prozent in Heimen, bei Verwandten oder an anderen Orten.

Die Verantwortung liegt mehrheitlich bei den Eltern: In 74 Prozent aller Fälle ging die Gefährdung ausschließlich oder hauptsächlich von der Mutter oder dem Vater aus. In vier Prozent waren Stieffeltern oder neue Partnerinnen beziehungsweise Partner beteiligt, in fünf Prozent andere Personen. In neun Prozent waren mehrere Personen verwickelt ohne klare Hauptverantwortung, in sieben Prozent blieb unklar, wer die Gefährdung verursachte.

Ein wichtiger Aspekt: 43 Prozent der betroffenen Kinder erhielten bereits Jugendhilfeleistungen. Bei etwa jedem vierten Fall (27 Prozent) war innerhalb des Jahres bereits eine frühere Meldung eingegangen – ein Zeichen für bekannte Risikofälle.

Zur Bekämpfung der Gefährdungssituationen einigten sich die Jugendämter in 91 Prozent der Fälle auf Hilfs- oder Schutzmaßnahmen. In 18 Prozent aller Kindeswohlgefährdungen riefen die Behörden das Familiengericht an – üblicherweise, wenn Eltern nicht kooperationsbereit oder -fähig sind.

Die Dunkelziffer könnte größer sein: Die Jugendämter prüften insgesamt fast 268.300 Verdachtsfälle im Rahmen einer Gefährdungseinschätzung. Diese Zahl stieg sogar um zwölf Prozent und erreichte ebenfalls einen neuen Höchststand.

Interessant ist die Herkunft der Hinweise: Die meisten Meldungen (30 Prozent) kamen 2025 von Polizei und Justiz, 22 Prozent von der Bevölkerung – also von Verwandten, Bekannten, Nachbarn oder anonym. Schulen und Kindertagesbetreuung meldeten 16 Prozent der Fälle, die Kinder-, Jugend- und Erziehungshilfe zwölf Prozent. Besonders gering ist die Quote von Meldungen durch die Betroffenen selbst: Nur zwei Prozent kamen von den Kindern und Jugendlichen, sieben Prozent von den Eltern.

Autor: dts Nachrichtenagentur

» Weitere Deutschland News