Wolfgang Kubicki hat sich zum neuen Vorsitzenden der FDP gewählt, doch der erste Tag des Parteitags offenbarte eine tiefe Spaltung in der Partei. Kubicki setzte sich mit 59 Prozent der Stimmen gegen die überraschend kandidierende Marie-Agnes Strack-Zimmermann durch, die aus dem Stand auf rund 39 Prozent kam.
Die Spaltung zeigte sich noch deutlicher bei der Wahl des von Kubicki vorgeschlagenen Generalsekretärs Martin Hagen. Obwohl Hagen ohne Gegenkandidaten antrat, erhielt er ebenfalls nur gut 59 Prozent der Stimmen – eines der schlechtesten Ergebnisse in der Parteigeschichte.
In seiner Rede als frisch gewählter Parteichef zeichnete Kubicki das Bild einer Partei in tiefer Krise, die aber die Chance auf einen politischen Neustart habe. Die FDP habe den Kontakt zu den Freiheitsvorstellungen vieler Bürger verloren und müsse wieder lernen, stärker zuzuhören.
Kubicki stellte das Individuum in den Mittelpunkt seiner Politik. Freiheit bedeute für ihn, den Menschen zuzutrauen, ihr Leben selbst zu gestalten, anstatt sie durch staatliche Vorgaben zu lenken. Die FDP wolle die Bürger nicht bevormunden, sondern ihnen Möglichkeiten eröffnen und Verantwortung zutrauen. Dabei wandte er sich gegen politische Konzepte, die Gruppenidentitäten oder kollektive Ansprüche über die Rechte des Einzelnen stellten.
Ein zentrales Thema war die Verteidigung der Meinungsfreiheit. Kubicki kritisierte eine zunehmende Einschränkung öffentlicher Debatten und warnte vor einem gesellschaftlichen Klima, in dem bestimmte Meinungen ausgegrenzt oder stigmatisiert würden. Er sprach sich gegen staatliche Meldestellen für legale Äußerungen aus und forderte die Abschaffung des Paragraphen 188 StGB, der Amtsträger besonders vor Beleidigungen schützt. Meinungsfreiheit sei gerade dafür geschaffen worden, Kritik an den Mächtigen zu ermöglichen, auch wenn diese unbequem oder provokant sei.
Wirtschaftspolitisch zeichnete der neue FDP-Chef ein düsteres Bild der Lage. Er machte übermäßige Bürokratie, hohe Energiekosten und eine generell unternehmensfeindliche Haltung für die schwache wirtschaftliche Entwicklung verantwortlich. Deutschland verhindere häufig unternehmerischen Erfolg, statt ihn zu fördern. Zahlreiche Vorschriften und Schwellenwerte würden insbesondere mittelständische Unternehmen beim Wachstum behindern. Kubicki forderte einen konsequenten Bürokratieabbau, mehr Vertrauen in Unternehmer sowie bessere Bedingungen für Innovationen und Investitionen.
Zur Energiepolitik äußerte sich Kubicki kritisch. Die hohen Energiepreise seien ein erheblicher Wettbewerbsnachteil für den Wirtschaftsstandort Deutschland. Er sprach sich dafür aus, über neue Technologien wie kleine modulare Kernreaktoren nachzudenken, und kritisierte das Verbot von Fracking in Deutschland, während gleichzeitig Gas aus dem Ausland importiert werde. Klimaschutz dürfe nicht dazu führen, dass Deutschland wirtschaftlich geschwächt werde oder sich durch nationale Sonderwege selbst benachteilige.
Der Bundesregierung aus Union und SPD warf Kubicki vor, bislang keine überzeugenden Antworten auf die wirtschaftlichen Herausforderungen des Landes gefunden zu haben. Statt Reformen voranzutreiben, würden Schulden aufgenommen und strukturelle Probleme vertagt. Eine ausbleibende wirtschaftliche Erneuerung verursache nicht nur Wohlstandsverluste, sondern könne langfristig auch das Vertrauen der Bürger in die Demokratie gefährden.
Ausführlich beschäftigte sich Kubicki mit Migration und Integration. Er sprach sich für eine klare Trennung zwischen Arbeitsmigration und Asyl aus und forderte eine konsequentere Durchsetzung bestehender Regeln, insbesondere bei Abschiebungen. Gleichzeitig betonte er, dass die Zugehörigkeit zur deutschen Gesellschaft nicht von Herkunft oder Hautfarbe abhängen dürfe, sondern von der Anerkennung der freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Sorgen bereitete ihm die Entstehung von Parallelgesellschaften sowie die unzureichende Integration in manchen Städten und Schulen.
In diesem Zusammenhang thematisierte Kubicki auch einen zunehmenden Antisemitismus in Deutschland, insbesondere seit dem Angriff der Hamas auf Israel im Oktober 2023. Der Schutz jüdischen Lebens sei eine zentrale Verpflichtung Deutschlands. Zudem müsse der Staat entschlossener gegen islamistische Strömungen vorgehen, die den Werten einer liberalen Gesellschaft widersprächen.
Besonders ausführlich sprach der neue Parteichef über Bildungspolitik. Er bezeichnete die zunehmenden Leistungsprobleme an deutschen Schulen als eine der größten Herausforderungen des Landes. Viele Kinder verfügten bei der Einschulung nicht über ausreichende Deutschkenntnisse, und die Zahl der Schüler, die grundlegende Bildungsstandards nicht erreichten, steige kontinuierlich. Kubicki forderte verpflichtende Sprachtests vor der Einschulung, eine stärkere Förderung der deutschen Sprache und deutlich höhere Investitionen in das Bildungssystem. Bildung sei die Grundlage für Chancengleichheit, wirtschaftlichen Erfolg und gesellschaftlichen Zusammenhalt.