Führende SPD-Arbeitsmarktpolitiker haben Forderungen aus der Wirtschaft zur Abschaffung der 35-Stunden-Woche entschieden zurückgewiesen. Die verkürzte Arbeitszeit sei das Ergebnis einer Einigung zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften und könne nicht einseitig von den Arbeitgebern rückgängig gemacht werden, argumentiert die SPD-Vizefraktionschefin Dagmar Schmidt im Gespräch mit dem Handelsblatt.
Schmidt betont, dass nicht allein die Arbeitszeiten für die Wettbewerbsfähigkeit entscheidend sind. Vielmehr komme es auf Investitionen in neue Technologien, gut qualifizierte Beschäftigte und eine hohe Produktivität an.
Die arbeitsmarktpolitische Sprecherin Annika Klose kritisiert eine Arbeitszeiterhöhung ohne Lohnausgleich als „echte Frechheit“. Die 35-Stunden-Woche schütze Arbeitnehmer vor übermäßiger Belastung, fördere die Vereinbarkeit von Beruf und Familie und mache die Metall- und Elektroindustrie attraktiv für in- und ausländische Fachkräfte. Dies sei gerade angesichts des demografischen Wandels entscheidend. „Es ist ein alter Irrglaube, dass wir eine Produktivitätssteigerung einfach durch Mehrarbeit erreichen“, sagt Klose.
Der Wirtschaftspolitiker Sebastian Roloff warnt vor einem einseitigen Fokus auf die Arbeitskosten. „Deutschland war im internationalen Wettbewerb immer besser und nicht billiger. Ein ‚race to the bottom‘ wird Deutschland verlieren“, erklärt Roloff. Zudem verweist er darauf, dass bestehende Tarifverträge für wirtschaftlich schwierige Zeiten bereits Stabilisierungsmaßnahmen vorsehen, einschließlich Beiträge der Beschäftigten.
Auch die Gewerkschaften weisen die Forderungen von Unternehmern und Managern scharf zurück. Nadine Boguslawski, Tarifvorständin der IG Metall, sagt dem Handelsblatt: „Wer die 35 Stunden angreift, will im Endeffekt nur Löhne kürzen, statt sich den unternehmerischen Herausforderungen zu stellen.“ Ein Wettbewerb über niedrigere Preise sei keine nachhaltige Strategie.
Nach Ansicht der IG Metall leidet die Konjunktur nicht an zu kurzen Arbeitszeiten, sondern an zu wenig Kaufkraft der Beschäftigten sowie mangelnder Innovationskraft und Standorttreue der Unternehmen. „Längere Arbeitszeiten bei zu wenig Arbeit bedeuten nur mehr Arbeitslosigkeit. Wer das ernsthaft fordert, provoziert eine gewaltige Protestwelle der Beschäftigten“, warnt Boguslawski.
Barbara Resch, Chefin der IG Metall in Baden-Württemberg, sieht in einer Abschaffung der 35-Stunden-Woche „einen Rückschritt in die industriepolitische Steinzeit“. Der Grund: „Unser Standort ist stark, weil hohe Produktivität und gute Tarifbedingungen zusammengehören.“
Öffnungsklauseln in bestehenden Tarifverträgen ermöglichen bereits heute längere Arbeitszeiten. Davon machen Arbeitgeber beispielsweise in der Chemieindustrie derzeit „nur homöopathisch“ Gebrauch, berichtet Oliver Heinrich, Tarifvorstand der IG Bergbau Chemie, Energie. Er vermutet hinter der Debatte um die 35-Stunden-Woche ein „Ablenkungsmanöver der Arbeitgeber“ von geopolitischen Problemen und eigenen strategischen Versäumnissen.
Autor: dts Nachrichtenagentur